Frankreichs Kommentatoren meinen: Altes mit Neuem und Pragmatismus statt Ideologie

Die Präsidentschaftswahlen sind vorbei und die Regierung steht: Einen Überblick darüber, was Frankreichs Medien seitdem über den jungen Präsidenten und seine Politik denken. 

Die Wirtschaftszeitung «Les Echos»:

«Emmanuel Macron hat die Präsidentschaftswahlen torpediert, die Parlamentswahlen beginnt er jedoch auf Zehenspitzen. Vorsicht heißt das Motto. Die Ideologie ist verschwunden, Pragmatismus setzt sich durch.»

«Wirft man einen Blick auf den Twitter-Account von Emmanuel Macron seit seiner Ernennung als Präsident, erkennt man, wie er seine Rolle versteht. Er steht über den Dingen und Streitereien, denn er schreibt nur das, was er auf der internationalen Bühne auch sagt. Die Politik der kleinen Leute gehört nicht zu den Aufgaben eines Präsidenten. Macron will die Funktion des Staatschefs wiederherstellen und zeigen, dass ihn die Probleme der Welt nicht einschüchtern, ebenso wenig wie die Großen der Macht.» 

«Der Präsident stellt sich der alten politischen Welt. Im Sinne von Timing und Taktik ist niemand politischer als Emmanuel Macron nach seiner Wahl zum Präsidenten. Er hat Sinn für politisches Gleichgewicht bewiesen, Überraschungen und Risiken. Wird es dem Schmied ungewöhnlicher Bündnisse gelingen, diese Alchimie innerhalb seiner Regierungsmannschaft zu schaffen? Das werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.»

Die katholische Zeitung «La Croix»: 

«Wenn man wirklich eine „horizontale Logik“ in die Mechanismen der Regierung einführen will, um einen Begriff des Präsidenten Emmanuel Macron zu benutzen, dann ist eine grundlegende Reform der parlamentarischen Institutionen notwendig, die zum Ziel hat, Initiativmechanismen und die Kontrolle der Abgeordneten zu verstärken. Das ist weit von einer gaullistischen Logik der Institutionen entfernt, deren sich der neue Präsident zu bemächtigen scheint.» 

Die linke Tageszeitung «Libération»:

«Der Präsident will neue Köpfe, weigert sich jedoch, neue Praktiken der Macht auszuarbeiten, die eher im Einklang mit der Gesellschaft stehen. Er fordert Vertikalität, Disziplin und Vertraulichkeit als neue Mantras einer besseren Regierungsweise. Macron will Altes mit Neuem machen.»

Die Regionalzeitung «Dépêche du Midi» (Toulouse)

«Die Kandidaten, die zur Präsidentenmehrheit gehören wollen, haben nur einen Trumpf in der Tasche und der heißt Macron. Dieser Präsident vertraut auf seinen guten Stern. Er strömt einen demonstrativen Optimismus aus, mit dem er in der Lage ist, Zweifel und Verwirrung aus der Welt zu schaffen. In den Augen der Öffentlichkeit scheint er die Chance zu sein, um nicht zu sagen die letzte Chance: Denn sollte seine Präsidentschaft ein Misserfolg sein, dann steht dem Extremismus, gleich ob rechts oder links, alle Türen offen.»

Die konservative Zeitung «Le Figaro»:

«Sind die Jahre von François Hollande wirklich vorbei? Er ist erlaubt, dies zu glauben. Denn sein Nachfolger scheint eine klare Marschroute zu verfolgen. Und die geht eindeutig nicht nach Links. Der Staatschef hat eine Regierungsmannschaft ernannt, die man als Regierung der Gemäßigten bezeichnen kann.»

Die kommunistische Tageszeitung «L’Humanité»:

«Die neue Regierung ist weit davon entfernt, einen frischen, demokratischen Wind mit sich zu bringen. Die Abgeordneten werden sich den alten Regeln und Formen einer Republik anpassen müssen, die bis in ihre Grundfeste abgenutzt ist. Die Betrügerei der Erneuerung surft auf einer politischen Krise.»

Sabine Glaubitz

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