Frauenheld Macron

Urheber/in: Richard Ying et Tangui Morlier Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz

Nach der umfangreichsten Erneuerung der Nationalversammlung seit Gründung der Fünften Republik 1958 steht fest: Weit mehr Frauen als je zuvor bekommen einen Sitz als Abgeordnete. Damit steigt ihr Anteil auf fast 40 Prozent. 

Was wohl Simone de Beauvoir dazu gesagt hätte? Frankreichs bekannteste Feministin, die in ihrem legendären Werk Das andere Geschlecht aus dem Jahre 1949 schrieb: « Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein. » Nun sind sie gleich 223. 233 Frauen, die nach der zweiten Wahlrunde in die Nationalversammlung einziehen. Allein unter den Wahlsiegern aus Macrons Parteienbündnis von La République En Marche (LREM) und dem MoDem sind knapp die Hälfte Frauen. Nun steigt ihr Anteil in der Assemblee insgesamt von bislang 26,9 auf 38,7 Prozent an und katapultiert Frankreich in dieser Hinsicht weltweit von Rang 64 auf Platz 17. Im europäischen Vergleich haben nur Finnland, Spanien und Schweden mehr weibliche Abgeordnete, in Deutschland liegt die Quote bei 36,5 Prozent für den 18. Bundestag seit Staatsgründung. Die meisten Französinnen in der Assemblee haben das erste Mal ein politisches Amt inne – so wie es Macron angekündigt hatte. Seine Regierung ist zur Hälfte mit Frauen besetzt, die allerdings bis auf eine Ausnahme die „weichen“ Ministerposten besetzen, was vom Gleichstellungsrat bereits kritisiert wurde. 

Die frisch ernannte Staatssekretärin für Gleichstellungspolitik, Marlène Schiappa, zeigt sich hocherfreut über die Zusammensetzung der Nationalversammlung, schließlich habe man sich im Wahlkampf immer wieder anhören müssen, man sei gar nicht in Lage, ausreichend Kandidatinnen zu finden, die auf das politische Amt Lust hätten. Doch schon im Wahlkampf versuchten Macron-Aktivistinnen Frauen nicht nur als Wählerinnen zu gewinnen, sondern zum aktiven Mitgestalten der zukünftigen Politik zu motivieren. Die Macron nahe Anne Rubinstein hatte mit der Bewegung „Elles marchent“ versucht, mehr feministische Themen auf die politische Agenda zu setzen. Immerhin sind in Frankreich 52 Prozent der Wahlberechtigten Frauen, auch das wird im männerdominierten Politikbetrieb viel zu häufig vergessen. 

Sexismus und Patchworkfamilien 

Für Marlène Schiappa, die wegen umstrittener Äußerungen zum Schleiertragen an Schulen, das sie nicht konsequent ablehnt, in die Kritik geriet, ist die Angst einiger Kandidatinnen, in dieser Welt nicht bestehen zu können, allerdings unbegründet, schließlich seien sie es, die täglich die Doppelbelastung von Berufs- und 

Familienleben meistern müssten. Sie lässt in ihrer Kolumne für die Huffington Post auch nicht aus, dass Sexismus in den politischen Reihen, durchaus Realität sei: “Vor unseren Augen, hier in Frankreich, passiert es noch immer, dass man als Frau in einem Kleid von den Kollegen Pfiffe erdulden muss, oder dass Lärm aufkommt, wenn man als Frau das Wort ergreift.” Durch die schiere Masse der Frauen wäre damit allerdings nun Schluss. 

Die Anhänger von En Marche haben in den Wahlkreisen gezielt nach möglichen Kandidatinnen gesucht und sie ermutigt, sich zur Wahl zu stellen. Sogar Kinderbetreuung wurde organisiert, um ganz konkrete Antworten zu finden, für die Zweifel oder praktischen Hindernisse, damit eine Frau sich traut. Man organisierte Treffen mit Karrierefrauen, förderte ein regelrechtes Coaching, an dem sich auch die erfolgreiche Journalistin und spätere Sprecherin Macrons, Laurence Haim, beteiligte. Und nicht zuletzt hat sich auch die Präsidentengattin Brigitte Macron für mehr Beteiligung von Frauen eingesetzt. Das ungewöhnliche Paar hat wegen seines Altersunterschieds bereits viel Erstaunen, Bewunderung und Häme ausgelöst. Die neue First Lady steht jedoch auch für ein modernes Frauenbild, sie lebt mit Emmanuel Macron das Modell der Patchworkfamilie und Brigitte, ehemalige Lehrerin ihres heutigen Ehemanns, hat drei Kinder aus erster Ehe. Ihren Beruf als Lehrerin hat sie aufgegeben, um sich ihrer Rolle als First Lady zu widmen. Sie gilt als der vorderste Coach des Präsidenten und Insider sprechen ihr einen großen Anteil beim Erfolg des jüngsten französischen Staatsoberhauptes der V. Republik zu. 

Mehr als nur Mehrheitsbeschafferinnen 

Dass die neuen Frauen in der Assemblee aber nicht nur Mehrheitsbeschafferinnen sein wollen, haben viele bereits verlauten lassen. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass gerade jetzt in der Öffentlichkeit ein Mal mehr über die Doppelbelastung diskutiert wird. In einer Gesellschaft, in der Männer noch immer im Schnitt 25% mehr als ihre Partnerinnen verdienen und deswegen überwiegend die Mütter in Elternzeit gehen, kursiert eine Petition, die vorsieht, eine Vaterzeit von mindestens 4 Wochen gesetzlich festzuschreiben. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob durch die gestiegene Zahl der Frauen auch eine Politik für Frauen durchsetzbar wird. Marlène Schiappa jedenfalls sagt bereits heute das Verschwinden der “männlichen Machtnormen” voraus und kündigt an, man müsse sich mit dem Frauenanteil von 40% nicht zufrieden geben und noch ambitionierter auf die gänzliche Parität hinarbeiten. 

Die Pionierinnen der Gleichstellung von Frauen im Politikbetrieb werden ganz besonders im Blick der Medien und ihrer männlichen Kollegen stehen – sie werden sich wie so oft doppelt ins Zeug legen müssen, damit ihre Kompetenz nicht in Frage 

gestellt wird. Emmanuel Macron hat ihnen die Türen geöffnet. Nun müssen sie selbst an ihrer “kollektiven Befreiung” arbeiten. Simone de Beauvoir hätte wohl ihrem berühmtesten Satz in abgewandelter Form hinzugefügt: “Man wird nicht als Abgeordnete geboren, man wird es…”. 

Von Romy Strassenburg

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