Frankreichs Kommentatoren meinen: Emmanuel Macron macht noch keinen Frühling

«Macromania» und «Erdrutsch-Sieg»: Emmanuel Macron und seine Bewegung «La République en Marche!» surfen auf der Siegerwelle.  Die zweite Wahlrunde der Parlamentswahlen am kommenden Sonntag dürfte ihnen die absolute Mehrheit verschaffen. Doch Frankreichs Kommentatoren warnen: Man könne durchaus eine Schlacht gewinnen, den Krieg aber durchaus verlieren. 

Die liberale Tageszeitung «Le Monde»:

«Wie kann man die Gefahr des Unter-sich-seins vermeiden, wenn man aus sozial so homogenen Milieus stammt? Wie werden Abgeordnete, von denen die meisten Neulinge sind, ihre Macht ausüben, vor allem die der Kontrolle der Exekutive? Wie kann vermieden werden, dass der Protest, der im Parlament nicht existieren wird, anderswo zum Ausdruck kommt? Es ist noch nicht zu spät, um diese Fragen den Kandidaten der Bewegung von Emmanuel Macron zu stellen.»

Die linksliberale Tageszeitung «Libération»:

«Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln: Der Politneuling Emmanuel Macron ist dabei den spektakulärsten Grand-Slam der 5. Republik zu gewinnen. Nachdem er den Elysée-Palast erobert hat, macht sich seine junge gerade einmal einjährige Bewegung auf, das Parlament mit einer Flut eroberungslustiger Neophyten zu überschwemmen. Die Bewegung des Präsidenten trampelt ihre Gegner nieder. Ein neues Kapitel öffnet sich für das Land.»

Die katholische Tageszeitung «La Croix»:

«Mehr als die Hälfte der wahlberechtigten Franzosen hat nicht gewählt. Eine politische Bewegung, die es vor einem Jahr noch nicht gegeben hat, besitzt nun die Mehrheit. Emmanuel Macron und die Regierung brauchen nun viel Köpfchen, um das Land in einer solchen Situation zu regieren. Sie ist komplizierter als sie scheint, denn es gibt eine große zentrale Gruppe Politneulinge und einige Quertreiber am Rande. Vor allem müssen Macron und seine Regierung die große Gleichgültig, Hoffnungslosigkeit und Desillusionierung all jener berücksichtigen, die nicht zur Wahl gegangen sind.»

«Nichts ist geregelt angesichts der politischen Unerfahrenheit der neuen Abgeordneten. Die Nationalversammlung ist in der Logik des fünfjährigen Präsidentenmandats zu einer Kammer geworden, die dem Willen der Exekutive folgt. Werden die Neulinge ihrer Stimme genügend Ausdruckskraft verleihen können? Die Herausforderung ist groß: Werden sie es schaffen, Gesetze zu erlassen, die die Wünsche und Belange der Staatsbürger berücksichtigen? Sie dürfen sich nicht damit begnügen, im Parlament Marionetten der Erneuerung zu sein.»

Die Wirtschaftszeitung «Les Echos»:  

«Wie kann man eine Partei aufbauen, die politisch weder im linken noch im rechten Lager verankert ist? Wie kann zugleich ein leistungsstarkes und realitätsnahes Parlament schaffen, wenn sich eine massive Mehrheit abzeichnet? Um darauf zu antworten, hat die Bewegung «La République en Marche!» des Präsidenten Emmanuel Macron kein Rezept, sondern eine Intuition: Man muss frischen Wind in die Machtstrukturen bringen und aus authentischen Quellen schöpfen, wenn nicht werden auch die Kandidaten der Zivilgesellschaft der Bewegung des Präsidenten schnell zu Politikern wie alle anderen.» 

«Bei diesen Parlamentswahlen läuft Emmanuel Macron Gefahr, eine umfangreiche Mehrheit zu erlangen, die jedoch kompliziert zu regieren sein wird, zumal er sie vor allem einer geringen Wahlbeteiligung zu verdanken hat. Doch welche Botschaft beinhaltet diese hohe Rekord-Wahlenthaltung? Fatalismus, fehlende Begeisterung für den neuen Präsidenten, der Eindruck, dass die sozial benachteiligten Franzosen an diesem Abenteuer nicht teilnehmen können? Das ist bekannt: Man kann zwar eine Schlacht gewinnen, den Krieg aber dennoch verlieren.» 

Die Regionalzeitung «La Dépêche du Midi»:

«Hat sich Frankreich in einem Monat so verändert? Wir wären Naivlinge, würden wir behaupten, dass wir diesen Umbruch allein der Magie des neuen Präsidenten zu verdanken haben. Die „Macromania“, die sich innerhalb eines Monats entwickelt hat, kann nicht alle Hellsichtigkeit in Zweifel ziehen. Ein einziger Mann macht noch keinen Frühling. Innerhalb von 30 Tagen ist es Emmanuel Macron gelungen, die richtigen Gesten zu finden. Es sind noch nicht die Gesten, die retten, aber es sind jene, die beruhigen.»

Die Regionalzeitung «Républicain lorrain»:

«Der massive Durchmarsch der Bewegung des Präsidenten «La République en Marche!» bringt den Unmut der Franzosen gegenüber aller traditioneller Parteien zum Ausdruck – einschließlich der rechtsextremen Front National. Doch diese Sogwirkung wurde durch einen perversen Effekt ausgelöst. Den Wahlen gingen Verwirrung, politische Erneuerung und ideologische Annäherungen voraus, die zu einer Rekord-Wahlenthaltung geführt haben. Damit kann niemand zufrieden sein, auch nicht das Präsidentenlager. Es wird zweifellos über das Parlament bestimmen, doch kann es schnell zu einem Koloss auf Lehmfüssen werden.»

Zusammengestellt und übersetzt von Sabine Glaubitz

TEILEN