Frankreichs Kommentatoren meinen: Rechts wählen und von einer Revolution träumen

Rechtsruck, politische Mitte oder Traum von Revolution: Das Rennen zwischen der Rechtspopulistin Marine Le Pen, dem Linksradikalen Jean-Luc Mélenchon, dem Konservativen François Fillon und dem Sozialliberalen Emmanuel Macron ist knapp. Für Frankreichs Kommentatoren ist bei diesen Wahlen, die durch Attentate und Skandale überschattet werden, alles möglich. Nur eines scheint sicher: das Ende des Zweiparteiensystems. 

Die Wirtschaftszeitung «Les Echos»

«Dieser Wahlkampf gleicht keinem anderen. Der erste Wahlgang wird ein Duo in die Stichwahl schicken, das viel über den Zustand des Landes zum Ausdruck bringen wird. Le Pen-Mélenchon: Frankreich bricht mit seinem traditionellen Parteiensystem und zieht sich in sein Schneckenhaus zurück. Macron-Fillon, ein liberales Frankreich. Le Pen-Fillon, Frankreich rückt nach rechts, Macron-Mélenchon, Frankreich macht einen Linksrutsch, Le Pen-Macron, Frankreich erlebt einen Big Bang, das Ende der Regierungsparteien. Alle Kombinationen sind möglich. Eine Wahl, in der sich womöglich die Mehrheit der Franzosen jedoch nicht wiederfindet.»

«Auch ohne das Ergebnis des ersten Wahlgangs zu kennen, liefert uns der Wahlkampf ein Porträt eines Landes, das der zukünftige Präsident nicht ignorieren werden kann. Das Land zögert, das Land weiß nicht weiter. Es rückt nach rechts und träumt von einer Revolution, es gräbt die Pflastersteine aus, ohne zu wissen, auf wen oder was es werfen soll.» 

Die rechtskonservative Zeitung «Le Figaro» 

«Auf den Finanzmärkten trägt die Hypothese eines Sieges im ersten Wahlgang der Rechtspopulistin Marine Le Pen und des Linksradikalen Jean-Luc Mélenchon einen Namen: ‘ein schwarzer Schwan’. Dieser Begriff bezeichnet ein höchst unvorhergesehenes Ereignis mit unberechenbaren und unvorstellbaren Folgen. Warum dieser Katastrophenalarm? Aus einem einfachen Grund: Die beiden ‘Anti-System-Kandidaten’, die seit mehr als 20 Jahren Teil des Systems sind, haben eines gemeinsam: Unter dem Deckmantel eines Projekts wollen sie den Bankrott Frankreichs. Die Griechen haben dafür, dass sie nun wissen, dass dieses Katastrophenszenario nichts Imaginäres hat, einen hohen Preis bezahlt. Haben die Franzosen wirklich Lust, das auszuprobieren?» 

Die katholische Tageszeitung «La Croix»

«Der Moment ist gekommen. Am Ende dieses langen Wahlkampfs haben wir zwei Entscheidungen zu treffen. Die erste ist einfach und binär: wählen oder nicht. Die Antwort heißt ohne zu zögern: Wählen. Die zweite besteht darin, zwischen elf Kandidaten zu wählen. Viele Wähler sind noch unentschieden, so viel wie noch nie. Das erstaunt jedoch nicht. Angesichts der zunehmenden Wählerschaft der rechtsextremen Front National spielt das alte Zweiparteiensystem Rechts/Links nicht mehr die erste Geige.»  

Die linke Tageszeitung «Libération»

«Der erste Wahlgang wird als Ergebnis nicht nur widerspiegeln, wie Politik betrieben wird, sondern auch wie regiert werden wird. Zu jenen Kandidaten, die beim ersten Wahlgang zu den Verlierern gehören werden, kann man sagen, ‘Pech gehabt’. Dasselbe kann man aber auch dem Sieger oder der Siegerin der Stichwahl am 7. Mai sagen. Doch egal wer an die Spitze des französischen Staates kommen wird, es wird keine Gnadenfrist geben. Er oder sie wird mit einer Öffentlichkeit konfrontiert, die völlig gespalten ist. Zudem versprechen alle Kandidaten den Franzosen unvermeidbare und folgenreiche Reformen.»    

«Die Leidenschaft für die Politik, die Teil der französischen Identität ist, wird in diesem Jahr tiefe Narben hinterlassen. Wird es unversöhnbare politische Familien geben? Wird es den Sprung ins Unbekannte geben, werden die politischen Stellvertreter einer vergangenen Welt nach Hause geschickt und sich die Wut der Franzosen in einem neuen politischen System äußern?»

Die linksliberale Tageszeitung «Le Monde»

«Die Mehrheit der Jugendlichen hat weder Vertrauen in die Linke noch in die Rechte. Sie lehnen sich gegen eine Gesellschaft auf, in der sie ihren Platz nicht finden. Sie suchen ihre Antwort bei den ‘Anti-System’-Kandidaten, die da heißen: Marine Le Pen, die Chefin der rechtsextremen Front National, und seit kurzem Jean-Luc Mélenchon, der linksradikale Chef der Bewegung «La France insoumise». »

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