Frankreichs Kommentatoren meinen: Kein Grund zum Feiern

Laut Umfragen wird der Sozialliberale Emmanuel Macron Frankreichs zukünftiger Präsident. Doch Frankreichs Kommentatoren halten den Triumphalismus des Parteilosen für verfrüht. 

Die linke Tageszeitung «Libération»:

«Es ist die Aufgabe einer Zeitung, Alarm zu schlagen.  Seien wir ehrlich: Es besteht kein Zweifel daran, Emmanuel Macron zu wählen.  Doch für jene Wähler, die in ihm nicht ihren Traumpräsidenten sehen, muss man wiederholen, dass es in erster Linie darum geht, einen Albtraum zu vermeiden. Die eigentliche Frage heißt: Ist Macron, der auf der politischen Bühne ein Novize ist und etwas narzisstisch, der Präsident der Republik oder der Wortführer der Start-ups und der Bourgeoisen Bohemien?»

«Laut Umfragen wird Emmanuel Macron mit 60 Prozent als Sieger aus der Stichwahl am 7. Mai hervorgehen. Eine Zahl, die beruhigend ist, aber gleichzeitig gefährlich. Macron hat seinen Sieg nach dem ersten Wahlgang zu früh gefeiert und ist damit in eine Falle getreten, denn man soll nie den Tag vor dem Abend loben. Seine Haltung ist zu selbstsicher. Es ist durchaus möglich, dass ein junger Mann einen Wahlkampf führt, der noch nie Abgeordneter war, und nur kurze Zeit Minister. Es ist durchaus auch möglich, als Erstbester aus dem ersten Wahlgang hervorzugehen, und dennoch ein böses Ende zu nehmen.»

Die katholische Tageszeitung «La Croix»:

«Emmanuel Macron steht bis zum 7. Mai vor einer großen Herausforderung: Er muss den Franzosen ein Projekt präsentieren, mit dem sich alle identifizieren können. Anders gesagt: Er muss positive Gründe finden, warum die Franzosen sich für ihn entscheiden sollen und nicht einfach nur aus Angst vor einem Sieg der Rechtspopulistin Marine Le Pen. Diese Aufklärungsarbeit verbietet jede Art von Triumphalismus, auch die einer Siegesfeier nach dem ersten Wahlgang in einem Pariser Restaurant.» 

Die Wirtschaftszeitung «Les Echos»

«Emmanuel Macron hat gute Chance zu gewinnen. Doch es tut sich nichts. Der Endspurt für den zweiten Wahlgang hat begonnen, doch scheinbar noch nicht für ihn. Er hat den Sieg des ersten Wahlgangs in einem schicken Restaurant gefeiert und nicht gesehen, dass diese Feier in diesem Rahmen Fragen und Kritiken auslösen könnte. Ihm schien es nicht wichtig, am Tag nach dem ersten Wahlgang dazu aufzurufen, sich angesichts seiner Gegnerin Marine Le Pen in einer demokratischen Front zu vereinen. Nichts oder fast nichts war von ihm zu vernehmen. So heißt es abwarten. Nur: Die Situation ist zu schwerwiegend, als das man warten könnte, vor allem auf was? »

Die Tageszeitung «Le Parisien»:

«Die rechtsextreme Front National ist in die Stichwahl gekommen. Das ist die Antwort des Volkes an eine Elite, die Bauchnabelschau betreibt und sich um ihre Karriere kümmert. Man muss sich vor dieser Wut in Acht nehmen. Siege sind nie sicher. Wir brauchen nur an das Duell Hillary Clinton und Donald Trump denken, den alle als Verlierer abgestempelt hatten.»

Die kommunistische Tageszeitung «L’Humanité»:

«Je mehr sich die Gefahr nähert, desto mehr wird diese im Bewusstsein zurückgedrängt: Das nennt man Banalisierung. Wenn Marine Le Pen am 7. Mai 30, 35 oder sogar 40 Prozent der Stimmen vereint, wird eine neue Hürde genommen. Die des Risikos, die rechtsextreme Front National bei den Parlamentswahlen zu stärken.»

Die linksliberale Tageszeitung «Le Monde»:

«Die rechtsextreme Front National ist mit den Werten der französischen Republik, der französischen Geschichte und Identität nicht vereinbar. Wir hoffen deshalb auf die Niederlage von Marine Le Pen und rufen zu einer Wahl von Emmanuel Macron auf. Doch sein Sieg ist nicht frei von Zweifeln.» 

TEILEN