Frankreichs Kommentatoren meinen: Gefahr des leeren Stimmzettels und der Enthaltung ist groß 

Kurz vor der Stichwahl liegt der Sozialliberale Emmanuel Macron in Umfragen vor der Rechtspopulistin Marine Le Pen. Doch Frankreichs Kommentatoren warnen vor den zwei großen Unbekannten, die diesmal so gefährlich sein könnten wie nie: der Enthaltung und des leeren Stimmzettels. 

Die linksliberale Tageszeitung «Le Monde» 

«Marine Le Pen nennt sich die Kandidatin eines ‚befriedeten Frankreichs’, doch ihr Projekt ist das des Zwiespalts und der Zerstörung. Sie hat sich als Erbin einer Politik entpuppt, die schon immer auf Hass und Bedrohung beruhte. Angesichts eines solchen Betrugs wäre eine Enthaltung an diesem Sonntag ein zu großes Risiko.» 

Die katholische Zeitung «La Croix»: 

«Am Vortag der Stichwahl sagen die Umfragen Emmanuel Macron einen Vorsprung voraus. Doch es bleibt eine große Unbekannte: die der Enthaltung. Wie immer, wird es eine bestimmte Anzahl von Staatsbürgern geben, die den Urnengang schmähen werden. Doch es wird auch, wahrscheinlich mehr als gewöhnlich, Wähler geben, die ungültig wählen werden, weil sie nicht zwischen zwei Kandidaten wählen wollen, die in den vergangenen Tagen als Pest und Cholera bezeichnet wurden.» 

«Jeder muss sich entscheiden, muss Verantwortung übernehmen. Der Moment ist gekommen, unsere Entscheidung zu treffen. Wir sind gegen die Idee einer Entscheidung aus Angst. Doch angesichts des Risikos, das mit Marine Le Pen droht, reicht keine Stimmenthaltung aus. An dem Programm von Emmanuel Macron haben wir teilweise Zweifel, das haben wir schon geschrieben. Doch weil dieser Kandidat sich dazu entschlossen hat, die Franzosen hinter sich zu versammeln, kann er mit unserer Unterstützung rechnen. » 

Die linke Tageszeitung «Liberation» 

«Man gewöhnt sich an alles, doch das ist gefährlich. Seit mehr als 30 Jahren ist die Front National fester Bestandteil der politischen Landschaft Frankreichs. Deshalb hat die ursprüngliche Empörung einer stummen Ablehnung Platz gemacht. Es geht nicht darum, Moralapostel zu spielen, sondern daran zu erinnern, was die Front National ist und welche Gefahr von ihr für unsere republikanischen Werte ausgeht. Dass jeder nach bestem Wissen und Gewissen wähle.» 

«Niemand weiß, wie die Wähler, die mit dem Gedanken spielen, die Front National zu wählen und all jene, die versucht sind, sich zu enthalten, sich wirklich entscheiden werden. Doch eines ist sicher: Durch ihre Attacken und Manöver hat Marine Le Pen ihre 

Bemühungen, die Partei zu entdämonisieren, zunichte gemacht. Ihr großes politisches Werk bleibt aber immer noch das der Spaltung, der Teilung und des Verbreitens von Argwohn.» 

Die konservative Tageszeitung «Le Figaro»: 

«Zwischen dem Wirtschafts- und Sozialprogramm von Emmanuel Macron und dem von Marine Le Pen liegen Welten. Der erste schlägt vernünftige Maßnahmen vor, die zweite die Form eines Rückschritts. Wenn Emmanuel Macron gewählt werden sollte, wird er mit keiner neuen Situation konfrontiert werden. Die Unfähigkeit des scheidenden Präsidenten François Hollande sich ihr zu stellen, hat Macron zum Rebellen gemacht. Man kann dem Land nur wünschen, dass seine Rebellion andauert und Früchte trägt. Nur einen Ratschläge könnte man ihm mit auf den Weg geben: Je weniger Sozialisten er in seiner Mehrheit hat, desto mehr Freiheit zur Rebellion wird er haben.» 

«Marine Le Pen hat gezeigt dass es ihr an Glaubwürdigkeit fehlt. Angesichts eines unerfahrenen und oft zu vagen Emmanuel Macron konnte sie nicht beweisen, dass sie die Statur einer Präsidentin hat. Sie war abwechselnd aggressiv und beleidigend gewesen. Die Chancen, dass Marine Le Pen gewählt wird, waren gering. Jetzt sind sie noch mehr geschwunden. » 

Die kommunistische Tageszeitung «L’Humanité»: 

«Vergessen wir an diesem Sonntag nicht, wie unser Land unter dem Nationalismus von Marine Le Pen aussehen könnte, die unsere Nachbarn und unsere Freunde auf die Straße setzen will, ihren Kindern den Zugang zur Gesundheitsvorsorge und zur Arbeitswelt verwehren will. Sie haben nicht das Recht zu wählen und haben Angst. Fangen wir am Sonntag damit an, sie symbolisch mit in die Wahlkabine zu nehmen.»

Sabine Glaubitz

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