Als Digital Native im Wahlkampf-Getümmel unterwegs

@Jules Hébert/HBS

Seit ich vor zwei Jahren zurück nach Frankreich und endlich nach Paris gezogen bin, scheint mir, alles ist politischer geworden. Das mag einerseits daran liegen, dass die Franzosen meiner Meinung nach im Alltag viel mehr, viel leidenschaftlicher und viel offener über Politik diskutieren, als ich es aus Deutschland kenne. Andererseits liegt es daran, dass Politik verstärkt tatsächlich „überall“ ist. Zumindest überall in den Sozialen Medien. Ich selbst bin – zumindest „nebenbei“ – fast den ganzen Tag mit Facebook und Twitter verbunden, um auf dem Laufenden zu bleiben, um immer zu wissen, was jetzt gerade, ganz genau jetzt passiert – und was es in den letzten 5 Minuten neues gab. Mir folgen zwar nicht viele, aber ich folge vielen. Seit ich wieder hier bin, beobachte ich nun mit einer Mischung aus Beteiligung, Faszination und Erschrecken wie in den französischen Sozialen Medien – vor allem auf Facebook und Twitter –  Politik vorkommt, geteilt, geliked, kommentiert und debattiert wird. 

Politik und Politiker nehmen via Sozialer Medien Raum ein, der sonst unseren persönlichen Kontakten, unserer Freizeit und unserem persönlichen digitalen Raum vorbehalten ist 

Mein Netzwerk, zu Beginn eher dazu gedacht mit meinen Freunden aus meinem Auslandssemester Kontakt zu halten, politisierte sich in den letzten Wochen im Wahlkampf immer mehr. Durch das,  was meine Social-Media-Freunde und ich teilen und schreiben,  wem wir folgen – und  durch das, was uns vorgeschlagen wird, weil es  aufgrund unseres Netzverhaltens als für uns relevant und interessant  ermittelt wurde. Dadurch kommt es zu einem völlig neuen Diskurs mit ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten, über Politik und Privates, über Öffentlichkeit und Verantwortung – und über die Verbindung all dessen zur Offline-Welt,  zum so schön genannten realen Leben.  Soziale Medien brechen offizielle Politik herunter auf eine sehr persönliche Form, in einem zwar offenen, aber gleichzeitig sehr privaten Kontext. In meinem Facebook-Feed finden sich Live-Videos von Macron und Retweets politischer Persönlichkeiten Frankreichs von meinen französischen Freunden, direkt zwischen dem Fotoalbum der ersten Geburtstagsfeier eines alten (oder ehemaligen) Freundes und zwischen den Urlaubsfotos von ehemaligen Kommilitoninnen. Über Facebook und Twitter wird Politik vermeintlich zu etwas persönlichem, zu einem Teil unserer Online-Community. Es entsteht damit eine kleine eigene Welt, eine Filterblase, die auch als  Echokammer  für unsere Meinung funktioniert, die kommentiert und debattiert wird, und über unseren Netz-Freundeskreis wiederum in deren Freundeskreise transportiert wird. Gleichzeitig ergibt sich eine Doppelfunktion – man wird erreicht, von Menschen, die einen sonst nicht so direkt erreichen würden, und gleichzeitig wird man selbst Duplikator, je nachdem, wie man Soziale Medien nutzt. Die eigene politische Meinung kann so  auch Menschen, mit denen man sonst nicht in den politischen Diskurs treten würde, erreichen – und umgekehrt. Letztlich bleibt man allerdings trotz aller erweiterten Verbreitungsmöglichkeiten im Netz weitgehend im eigenen politischen Milieu, die Freunde der eigenen Freunde sind zwar oft anders, aber auch nicht grundverschieden.

Seit dem 23. April, in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich, ist Facebook zum lieu par excellence der Meinungsverbreitung geworden. Man kann beinahe eine Art automatischen spill-over-Effekt beobachten, auch ich habe das Bedürfnis zu teilen und weiterzuteilen und zu kommentieren, zu versuchen, Meinung zu beeinflussen, oder noch lieber zu ändern, am liebsten alle davon zu überzeugen, jetzt auch wirklich wählen zu gehen… Überall finden sich Analysen, verschiedenste, fast ausschließlich gut argumentierte Meinungen, Aufrufe zur Wahl, Aufrufe zur Nicht-Wahl, sowohl in meiner Timeline, als auch in wohl jeder Timeline im restlichen Frankreich. Wir alle haben den Eindruck, da wir uns – genau wie alle anderen, filter bubble sei Dank – mit unserer Meinung im Internet wohlaufgehoben und gut angenommen fühlen. Es kann das Gefühl entstehen, alle um uns herum sind ähnlicher Meinung wie wir. Es ist gefährlich und kurzsichtig, sich auf der sicheren Seite zu wiegen, weil man selbst vielleicht niemanden kennt, der sich für die Wahl von Marine Le Pen in einem Facebook-Kommentar unter dem letzten Post, den man selbst geteilt hat, ausspricht. Wenn man nicht aufpasst, können einen Soziale Medien glauben lassen, man sei automatisch authentischer und vor allem besser informiert als andere und haben dadurch auch „mehr Recht“ als andere. Ein Beispiel hierfür: Auf Facebook dominieren allgemein die folgenden drei Fragen: „Sollte Mélenchon seine Anhänger explizit dazu aufrufen, für Macron zu stimmen, oder nicht?“, „Sollten die unentschlossenen Wähler einen ungültigen Stimmzettel abgeben, oder alles tun um den FN zu blockieren und ihm so viele Steine in den Weg zu legen wie möglich, auch wenn dies vielleicht langfristig dem Front National den Weg in den Élyséepalast im Jahre 2022 ebnen könnte?“ und „Wo ist Frankreichs Empörung – gar Entsetzen – anhand der hohen Prozentzahl der Stimmen, die der FN bekommen hat und warum geht keiner deswegen auf die Straße, wie es doch noch 2002 der Fall war?“. Mein Umfeld hat dazu quasi flächendeckend die gleiche Meinung und sehr ähnliche Antworten, einige reflektierter als andere, aber der Konsens stimmt. Meinem eigenen Online-Umfeld nach zu urteilen, sind sich alle einig – am kommenden Sonntag muss man wählen gehen – auch wenn einige Macron nur mit zusammengebissenen Zähnen ihre Stimme geben möchten. 

Und seit vor beinahe zwei Wochen klar war, dass Emmanuel Macron und Marine Le Pen sich in der Stichwahl gegenüber stehen werden, hat sich der Wust an unterschiedlichem Input gefühlt zunächst ein wenig gelegt. Das ist ja auch nur logisch, wenn von elf Kandidaten nur noch zwei übrig sind. Umgehend wurde die freigewordene Kapazität aber durch die oben erwähnten Diskussionen in Anspruch genommen. Und gleichzeitig nehmen Macron und Le Pen auch online den Kampf wieder auf. Beide posten fleißig mehrmals am Tag Live-Videos und Foto-Beiträge von ihren Auftritten überall im Land.  
Auf Facebook wirbt Macron mit Botschaften, die dazu aufrufen, ihm seine Stimme zu geben. Seien es Briefe, die ihm von Unterstützern zugesandt wurden, oder offizielle Videobotschaften der früheren Justizministerin Christiane Taubira oder Barack Obama. Letzteres wurde auf Facebook über 6 Mio. Mal angeschaut und ca. 100 865 Mal geteilt, auf Twitter sind es 51 000 Retweets und 58 000 Likes. Das Team von „En Marche!“ hat vor allem während der Debatte schnelles und effizientes Fact-Checking von Marine Le Pen’s Aussagen betrieben. 

Marine Le Pen versucht auf den letzten Metern, die Sozialen Medien deutlich subtiler zu benutzen und macht sich deren Funktionsweise zu Eigen. Geschickt als Nachsatz hat sie es während der Debatte formuliert: „Ich hoffe, dass man nicht herausfinden wird, dass Sie ein Offshore-Konto auf den Bahamas haben“. Umgehend verbreitete sich der Satz auf Twitter – bis diese Geschichte von den in dieser Frage sehr professionellen französischen Medien als FakeNews entlarvt wurde. Einigen bleibt möglicherweise doch etwas im Kopf hängen – frei nach dem Motto „Irgendetwas bleibt immer hängen“. 

Parallel zum Video-Ansturm auf Facebook  tobt auf Twitter ein Hashtag-Kampf, #JamaisMacron (Niemals Macron), #SansMoiLe7Mai (Ohne mich am 7. Mai) oder aber #JeSuisPasPourEuxMais (Ich bin nicht für sie, aber). #JamaisMacron zeigt besonders gut, wie wichtig die schnelle Reaktion in den Soziale Medien heute ist. Ursprünglich wurde er ins Twitter-Leben gerufen, von Menschen, die dazu aufriefen, niemals für Macron zu stimmen – in Anlehnung an den schon lange existierenden Hashtag #FNJamais (FN niemals). Schnell allerdings mobilisierte sich die breite Online-Unterstützer-Community von Macron, der Hashtag steht nun am Anfang des Tweets und dient als Einleitung dafür, Dinge aufzuzählen, die Macron im Gegensatz zu seiner Gegnerin nie tun würde. Die Zielrichtung und Bewegung wurden komplett umgedreht. Mal sehen, ob es hilft….  

Der Kandidat des „Unbeugsamen Frankreich“, Jean-Luc  Mélenchon wandte sich erst vor einigen Tagen wieder an seine zahlreichen Youtube-Follower: „Ihr seid meine Freiheit. Hier kann ich mich ausdrücken, ohne unterbrochen zu werden. Einen Gedanken in mehr als 140 Zeichen fassen. Mit allen Argumenten und Gegenargumenten.“ Gerade Mélenchon hat im Wahlkampf sehr erfolgreich diese Form der direkten Kommunikation gewählt, was zu seinem Erfolg beitrug. Entscheidender war dann bei Mélenchon aber doch  sein starker Auftritt in den Fernsehdebatten, also den „herkömmlichen“ Medien. 

Als Digital Native frage ich mich mittlerweile – welche  Wirkung hat die Debatte im Netz wirklich? 

Bei all der Debatte, dich ich da mit meinen Netz-Freundinnen und –Freunden seit Wochen führe, frage ich mich doch, ob solche Debatten auf diejenigen wirklich einen Einfluss haben können, die noch schwanken oder unsicher sind, ob sie wählen sollen.  Ein  Dauerregen diverser Standpunkte und Meinungen, beliebig lange Beiträge, zeitlich uneingeschränkte Diskussionen, die ich auch morgens um halb vier aus meinem Bett heraus führen könnte – wie konstruktiv kann die Diskussion via Barriere des digitalen Raumes in so einem Rahmen  wirklich sein? Kann man in dem Gewusel an Widersprüchlichkeiten wirklich Fragmente von Antworten auf die eigene Unentschlossenheit finden, oder doch nur „digital noise“? Ist das Ziel der ganzen Online-Diskussionen wirklich noch die Überzeugung des Anderen, oder eher Selbstdarstellung und Verstärkung der eigenen Meinung? 

Mir selbst schwirrt oft Abends der Kopf vor lauter widersprüchlichen – oder auch sich ergänzenden Dingen, die aus unterschiedlichen Richtungen kamen – die ich am Tag überflogen, geklickt oder gelesen habe. Ein oft nur lose zusammenhängendes Sammelsurium, wild gemixt politische Analysen von Experten, Umfrageergebnisse, die Meinungen von Kollegen, die Meinungen von Freunden, und die von den Freunden meiner Freunde – die wählen gehen, oder eben auch nicht, die ich kenne, oder eben auch nicht, die sich mobilisieren wollen, oder eben auch nicht. Man diskutiert mit 500 Menschen auf Facebook eben doch ganz anders als mit fünf am Abend, in der Kneipe, im echten Leben.  Soziale Medien sind eine  großartige, unvergleichbare Quelle von Ideen, Input, Denkanstößen und Inspiration. Man kann fast jedes Argument oder Gegenargument in diesen fiktionalen Räumen finden. Gleichzeitig handelt es sich aber um quasi geschlossene Arenen, in denen wir unsere Meinungskämpfe und Darstellungswettbewerbe ausfechten, die im echten Leben nicht genau äquivalent existieren. Denn real wird es erst, wenn ich abends meine französischen Freunde auf einen  guten Wein treffe und sie mir dann erzählen, wie es für sie ist, diese Wahl mitzumachen – im echten Leben. Und wie schwer ihnen dieses politische Klima zu schaffen macht – im echten Leben. Dann wünsche ich ihnen viel Kraft, einen klaren Kopf und auch ein bisschen Glück. Denn sie müssen ja analog wählen gehen, jetzt am Sonntag. Zumindest ist der Hashtag #JeVotePour („Ich stimme für…“) jetzt schon im Trend auf Twitter. 

Von Kristin Tiffert

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